Gefeuert zu werden war genau das, was ich brauchte

Weiterbildung

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Vor 20 Jahren gab ein Mann namens Ken einem Musiker in den Zwanzigern eine Chance. Dieser Musiker hatte einen Abschluss in Computerwissenschaften und die Arbeitsmoral einer rostigen Schraube. Ken gab diesem wechselhaften, undisziplinierten Typen einen Job in seiner Firma. Er stellte ihn als Support-Techniker in der Programmierung ein, obwohl er genau wusste, dass dieser Junge nicht wirklich in diesem Bereich – oder überhaupt in einem Büro – arbeiten wollte.
Der Typ wusste, dass er einen Job brauchte. Die erste Single seiner Band war ein Flop und sie hatten kein Geld mehr, also zog er einen schlechtsitzenden Anzug an, band sein Haar zu einem Pferdeschwanz und fing an, für Ken zu arbeiten.

Dieser Typ war ich.

Ich war genau das, was man heute als den schlimmsten Vertreter der Generation Y bezeichnen würde, und Ken konnte sich schon bald auf die Fahne schreiben, nicht nur der erste gewesen zu sein, der mich jemals angeheuert hatte, sondern auch der erste, der mich feuern würde. Doch noch wichtiger als das ist für mich, dass Ken neben meiner Frau die einzige Person ist, der ich mehr als jeder anderen verdanke.
Warum? Weil Ken – so hoffnungslos ich ihm auch erschien – mehr tat, als nur Zeit und Geld in mich zu investieren. Er glaubte an mich.

Neulich, bei einem Trip nach Glasgow, habe ich Ken wiedergesehen. Ich fahre nicht so oft dorthin zurück, wie ich gerne würde, daher habe ich ihn dieses Mal angerufen. Wie sich herausstellte, war er ganz in der Nähe unterwegs, also haben wir uns getroffen und ich fragte ihn, warum er mich überhaupt eingestellt hatte.
„Ich mochte dich, mein Sohn“, sagte er. „Wir wussten alle, dass du ein Musiker werden wolltest und dass die Band für dich das wichtigste auf der Welt war. Aber du hattest ein Händchen dafür, mit Leuten zu sprechen und man konnte sehen, dass du damit erfolgreich sein würdest.“ Und etwas reichte für Ken, um es darauf ankommen zu lassen: die Fähigkeit, über den Anzug, die furchtbare Frisur und den Unwillen, Gigs gegen Gigabyte zu tauschen, hinwegzusehen.

Das hieß, Ken erlaubte uns – den Menschen, die er angeheuert hatte – wirklich wir selbst zu sein. Er versuchte nicht, uns zu perfekten Programmierern oder Vertrieblern zu formen. Eines späten Abends fuhr er am Büro vorbei und sah, dass es hell erleuchtet war. Als er die Tür öffnete, fand er mich, die Band und viele andere Leute, die seine Telefone, Faxgeräte, Kopierer und Computer nutzten, um die nächsten Gigs zu promoten. Und weil er wusste, dass genau dieser Kram mir unendlich viel bedeutete, war er nicht mal sauer. Er hatte ebenfalls Träume und verstand, wie wichtig Träume sind, um Menschen zu inspirieren.

Im heutigen Business fehlt eine Menge von dieser Geisteshaltung. Bei den geringen Abgrenzungen zwischen Produkten und Dienstleistungen verschiedener Unternehmen sorgen oft die Menschen und Ihre Persönlichkeit für den entscheidenden Unterschied – etwas, das für die Kunden wichtig ist. Kunden mögen eine Sonderbehandlung, wenn sie mit den Vertretern eines Unternehmens sprechen. Aber nicht, wenn diese auf Kosten der Menschlichkeit gehen, die entsteht, wenn Menschen sie selbst sein dürfen und mit Kollegen zusammenarbeiten, die sie mögen und mit denen sie gut zurechtkommen. Es ist nett, mit einer glücklichen Person zu sprechen, aber es ist sehr einfach zu erkennen, wenn jemand unglücklich ist.

Allerdings war die Tatsache, dass Ken mich rausschmiss, etwas, woraus ich am meisten gelernt habe; Dinge, die heute noch wichtig sind – und zwar nicht nur für mich.
Unsere Band wollte unbedingt eine sechswöchige US-Tour durchziehen, definitiv unsere letzte Chance, überhaupt bemerkt zu werden. Mit dieser Planung stieß ich ganz klar an die Grenzen dessen, was noch akzeptabel war, und so stellte Ken mich vor die Wahl: „Jamie, mein Sohn, wir können so nicht weitermachen. Was ich von dir brauche ist mehr Einsatzbereitschaft. Wenn du gehst, dann brauchst du nicht wiederzukommen.“

Ich ging.

Und dann kam ich zurück, und natürlich stand Ken zu seinem Wort und ich hatte keinen Job mehr. Sicherheit, Geld und die Möglichkeit, meine Familie zu versorgen (und die Rechnungen der Band zu zahlen) – alles futsch. Das war der Moment, in dem ich eines verstand: die Welt drehte sich nicht um mich und meine Handlungen hatten Konsequenzen. Dieses Wissen machte mich stark. Ich bin sehr froh, dass ich auf Tour gegangen bin, denn sonst hätte ich es immer bereut. Ich bin froh, dass ich gefeuert wurde, da sich mein Blick auf die Welt geschärft hat. Eigentlich glaube ich sogar, dass es ein Bärendienst von Ken gewesen wäre, wenn er mich zurückgenommen hätte.

Als Anführer war Ken außergewöhnlich. Sein Glauben an die Menschen, die für ihn arbeiteten bedeutete, dass er genau wusste, wann er sie unterstützen musste, wann nachgeben und wann hart durchgreifen. Er hat viele sehr erfolgreiche Unternehmen gegründet. Aber was ebenso wichtig ist: er hat es Menschen ermöglicht, in ihrem Beruf glücklich zu sein. Und viele von ihnen sind es heute noch.